Skandinavischer Patient

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Arachnida
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Skandinavischer Patient

Beitrag von Arachnida » 13.09.2019, 07:52

Ich bin vor etwa drei Monaten über eine liebe Spinnfreundin die in Norddeutschland unterwegs war, an eine wunderschöne skandinavische Ziege gekommen. Leider war der Originalanstrich mit mehreren Schichten gleichem Lack übermalt worden. Für mich war von Anfang an klar: egal ob Originalfarbe oder nachträglich aufgebracht: der Lack muss ab. Nach ein wenig Probeschleifen habe ich das Rad in die Hände von Profis übergeben, da ich selbst nicht ablaugen wollte. Es wurde dann allerdings nicht abgelaugt, sondern gestrahlt (womit weiss ich nicht, aber das möchte ich versuchen für die Dokumentation noch zu erfragen).

Auf jeden Fall sind noch etliche Schleifarbeiten zu erledigen, da die Farbe nicht ganz ab ging.

Auf dem Lack konnte ich vereinzelte Wurmlöcher erkennen, nach dem Entfernen des Lacks hat sich erst das ganze Ausmaß des Schadens gezeigt. Besonders schlimm ist es beim vorderen Bein.

Jetzt meine Fragen an die Holzprofis hier:

Würdet ihr versuchen das Bein auszubauen und neu zu machen oder es mit Holkitt zu verspachteln und zu restaurieren? Ich muss sagen es scheint alles Buchenholz zu sein, es ist sehr stabil und es bröselt auch nichts mehr raus. Ich würde ja die Restaurationsversion bevorzugen, bin aber noch unsicher.

Zweitens: abschleifen muss ich sowieso, auch da das Holz durch das Strahlen relativ grob und rau geworden ist (ähnlich diesen Holzböden die so absichtlich strukturiert sind). Wie krieg ich das am besten weg ohne die feinen Rillen (zB. am Schwungrad) zu beschädigen? Oder soll ich es lassen und nur leicht glätten?
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Re: Skandinavischer Patient

Beitrag von lisel » 13.09.2019, 12:23

Arachnida hat geschrieben: Auf dem Lack konnte ich vereinzelte Wurmlöcher erkennen, nach dem Entfernen des Lacks hat sich erst das ganze Ausmaß des Schadens gezeigt. Besonders schlimm ist es beim vorderen Bein.
Würdet ihr versuchen das Bein auszubauen und neu zu machen oder es mit Holkitt zu verspachteln und zu restaurieren? Ich muss sagen es scheint alles Buchenholz zu sein, es ist sehr stabil und es bröselt auch nichts mehr raus. Ich würde ja die Restaurationsversion bevorzugen, bin aber noch unsicher.
Es ist bedingt durch den großen Hunger der Holzwürmer grade an dem Bein sicher auch ein statisches Problem. Unter der Suche "Holz verfestigen" im WWW kommen diverse Epoxidharz basierende Mittel zum Vorschein. Ich denke Epoxidharz ist das Mittel der Wahl, wenn man nicht ein neues Bein drechseln kann.

Arachnida hat geschrieben:Zweitens: abschleifen muss ich sowieso, auch da das Holz durch das Strahlen relativ grob und rau geworden ist (ähnlich diesen Holzböden die so absichtlich strukturiert sind). Wie krieg ich das am besten weg ohne die feinen Rillen (zB. am Schwungrad) zu beschädigen? Oder soll ich es lassen und nur leicht glätten?
Ich schleife ja immer an den Rädern mit Hand. Damit die feinen Rillen etc. bleiben benutze ich dann immer sogenannte Schleifschwämme z.B. von Bosch.
Liegen gut in der Hand, gibt es in verschiedenen Körnungen also grob, mittel und fein. Bei meinen Aufarbeitungen die ich auch im Forum vorgestellt habe, ist dies jedenfalls für mich das Mittel der Wahl.

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Re: Skandinavischer Patient

Beitrag von Arachnida » 13.09.2019, 14:39

lisel hat geschrieben: Es ist bedingt durch den großen Hunger der Holzwürmer grade an dem Bein sicher auch ein statisches Problem. Unter der Suche "Holz verfestigen" im WWW kommen diverse Epoxidharz basierende Mittel zum Vorschein. Ich denke Epoxidharz ist das Mittel der Wahl, wenn man nicht ein neues Bein drechseln kann.

Wie krieg ich das am besten weg ohne die feinen Rillen (zB. am Schwungrad) zu beschädigen? Oder soll ich es lassen und nur leicht glätten?
Ich schleife ja immer an den Rädern mit Hand. Damit die feinen Rillen etc. bleiben benutze ich dann immer sogenannte Schleifschwämme z.B. von Bosch.
Liegen gut in der Hand, gibt es in verschiedenen Körnungen also grob, mittel und fein. Bei meinen Aufarbeitungen die ich auch im Forum vorgestellt habe, ist dies jedenfalls für mich das Mittel der Wahl.

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Hi, danke für deine Gedanken zum Problem.

@Bein: Also statisch ist es unproblematisch da der Wurmfraß an der dicksten Stelle des Beines ist und nach eingehender Prüfung schlimmer aussieht als gedacht. An Epoxidharz hab ich auch schon gedacht. Kann ich danach noch mit Holzspachtel drüber gehen da ich nicht unbedingt das Harz sichtbar haben möchte oder verbindet sich das nicht? Eine Drechselmöglichkeit samt Drechsler hätte ich, das größere Problem sehe ich darin, das Bein aus dem Rad rauszubekommen.

@Schleifen, Danke für den Tipp mit den Schwämmen, da werde ich mir ein paar besorgen.
Ich hab hier auch noch mittelfeine Stahlwolle liegen, die hab ich auch schon öfters für Projekte verwendet und die ist super für kleine Ecken.

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Re: Skandinavischer Patient

Beitrag von lisel » 13.09.2019, 16:07

ich muß wegen Spachtel/Holzkitt mal folgende eigene Erfahrungen schreiben.
Klar hat Epoxid-Spachtel eine hohe Festigkeit und dabei meist auch eine hohe Härte.
Diese Härte ist dann bei der weiteren Verarbeitung tückisch, d.h. beim Schleifen von sehr weichem Holz was Expox-Spachtel trägt, schleift man am Übergang vom Epox zum weichen Holz, wenn man nicht aufpasst, mehr weg als man will.

Wenn es also nicht auf Statik und kurze Verarbeitungszeiten angewiesen ist, tendiere ich zum guten alten Holzkitt.
Vorher die Farbe des Kittes nach dem Aushärten mal mit dem Holz vergleichen, denn die Farbtafeln oder Farbnamen sind nicht sehr genau.
Oder am Schluss (ich denke Du willst ja das Rad nicht wieder streichen) alles auf einen gefälligen Holzton beizen und dann z.B. Wachsen.

LG Technik der Lisel

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Re: Skandinavischer Patient

Beitrag von borekd » 13.09.2019, 22:41

Hallo Arachnida,
Dir ist ein sehr schönes Spinnrad mit interessanten und in ihrer Mischung sehr seltenen Konstruktionsmerkmalen zugelaufen. Das Aufarbeiten lohnt sich auf jeden Fall.

Mit dem Tipp zum Tränken/Verfestigen mit Epoxidharz ist mir Liseltechnik zuvor gekommen. Allerdings gibt es hierbei eine Reihe von wichtigen Sachen zu beachten, damit die Arbeit am Ende vom Erfolg gekrönt wird:
1)Der Begriff "Epoxidharz" ist ähnlich vielfältig wie der Begriff "Kunststoff". Auf keinen Fall sollte man für solche Zwecke den sog. 2-komponentenkleber nehmen. Zum Tränken sind eigentlich nur Laminierharze geeignet, die je nach den Eigenschaften vom Harzgemisch und von dem zu verfestigenden Holz auch millimetertief in das Holz eindringen können.
2)Auch Laminierharze gibt es in einer sehr großen Vielfalt, die für uns Laien schwer überschaubar ist. Die wichtigen Merkmale sind in Deinem Fall die Verarbeitungstemperatur (diese sollte besonders für ungeübte Anweder wie mich und - das unterstelle ich jetzt - Dich auch, möglichst niedrig sein) und die Topfzeit (= die Zeit, die nach dem Anrühren bis zum Anfang des Abbindens zur Verfügung steht), die möglichst lang sein sollte. Die mechanischen Eigenschaften nach dem Aushärten spielen eine untergeordnete Rolle, die reichen sowohl für eine Spinnradreparatur als auch für Modellbauzwecke immer aus. Hochwertige teuere Harzsysteme mit Luftfahrtzulassung brauchen wir nicht zwingend.
3)Für meine Modellbauzwecke verarbeite ich aus o.g. Gründen (niedrige zulässige Verarbeitungstemperatur, lange Topfzeit) dieses Produkt:
https://www.ebay.de/itm/Laminierharz-GF ... 74|iid%3A1
Der Link soll ein Beispiel sein, sowohl bezüglich des Harzsystems an sich als auch bezüglich der Bezugsquelle. Andere Produkte mit ähnlichen Eigenschaften aus anderen Quellen sind bestimmt genauso gut.
4)Epoxidharze und besonders ihre Ausdunstungen während der Arbeit damit und auch später beim Aushärten sind giftig, und bei häufiger und intensiver Arbeit damit besteht die Gefahr von Reizugen und Beschädigungen der Haut und der Atemwege. Der Härter darf nicht mit der Haut in Kontakt kommen, und die Dämpfe (die man tückischer Weise nicht sehen und nicht riechen kann) sollten nicht eingeatmet werden. Ich trage konsequent Einweghandschuhe bei der Verarbeitung, und die Arbeit verrichte ich entweder im Freien oder in unserer Garage beim geöffneten Tor und Fenstern. Dort lasse ich auch die fertig behandelten Bauteile aushärten (das dauert Stunden bis Tage). Daher bin ich auf relativ warmes und trockenes Wetter angewiesen, und aus letzterem Grund verwende ich ein Harzsystem, das auch bei relativ niedrigen Temperaturen zuverlässig aushärten kann.
Es gibt auch die sog. Reparaturharze für Anwendungen im Holzbootsbau, die sogar angeblich auch bei nur ca. 10°C in der Lage sind verlässlich und vollwertig auszuhärten. Von diesen habe ich nur gehört dass es sie gibt, und habe damit keine praktischen Erfahrungen.

Eine Alternative zum Epoxi-Laminierharz wäre für Deinen Zweck das Einkomponenten-Polyurethanharz G4 von der Firma Voss Chemie. Damit grundiere ich seit Jahren die Holzrümpfe meiner Schiffsmodelle (in bis über 10 Schichten, die ersten stark verdünnt, die letzten unverdünnt), und ich schwöre darauf. G4 dringt sehr tief in das Holzgefüge hinein (bei einem Versuch mit einem 2mm dicken Mahagonibrett habe ich es auf der einen Seite mit einem Pinsel aufgetragen, nach ca. 5 Minuten war auch die andere Seite feucht), stinkt fürchterlich, ist aber (zumindest offiziell) deutlich weniger gefährlich als Epoxidharz, und härtet abhängig von der Luftfeuchtigkeit in nur 6 Stunden aus. Das Aushärten findet als eine Reaktion mit der Luftfeuchtigleit statt. Darin besteht auch die Gefahr, dass bei zu wenig Feuchtigkeit diese Reaktion entweder schleppend oder gar nicht stattfindet. Bei zu feuchter Luft verläuft sie gagegen stürmisch, es bilden sich Tausende kleine Bläschen auf der Oberfläche, die nach dem Anschleifen zu kleinen Kratern werden. Die Glätte der Oberfläche geht damit verloren, und man muss aufwändig und intensiv schleifen, denn G4 ist sehr hart. Auch ist G4 leider nicht UV-fest und vergilbt stark, das kann man allerdings mit einem abschließenden Deckanstrich z.B mit der UNI-Siegel PU-Parkettversiegelung (von Jansen) verhindern.

Diese beiden Systeme (Epoxi und G4) vetragen sich miteinander leider überhaupt nicht, man muss sich für eines davon entscheiden.

Keines der beiden Systeme ist mit einem Holzkit auf Dispersionsbasis kombinierbar, sie verbinden sich einfach nicht dauerhaft. Die Wurmlöcher kannst Du aber mit Epoxi einfach verfüllen, hierfür würde sich der 2-komponentenkleber aufgrund seiner Dickflüssigkeit eignen. Dieser härtet entweder glasklar oder leicht gelblich aus, und nach dem Verschleifen und darüber Lackieren sieht die Fläche wieder glatt und homogen aus. Das habe ich bei Reparaturen an hölzernen Modellrümpfen schon sehr häufig gemacht.
Falls Du Dein Rad mit Farbe behandeln möchtest, kannst Du das dünnflüssige Laminierharz mit Microballons (=winzige Glaskugeln mit ca. 0,2 bis 0,3 mm Durchmesser) und Baumwollflocken andicken, und das Gemisch als (weiße) Spachtelmasse verwenden. Diese lässt sich besser schleifen als ausgehärtetes Harz oder G4, dennoch ist sie härter als das Holz (siehe Hinweis von lisel).

Entschuldige bitte den ausufernden Umfang, der trotz der Tatsache, dass ich weit über 90% weggelassen habe, zu Stande kam.

Gruß
Borek

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Re: Skandinavischer Patient

Beitrag von Arachnida » 15.09.2019, 09:53

Lieber Borek,

danke für deine ausführliche Info bezüglich Harze und deren Verwendung. Ich habe gestern mal „Zahnärztin“ gespielt und mit dem Proxxon die Fraßschäden ausgefräst und alle lockeren Holzteile entfernt. Dadurch konnte ich den Schaden noch besser beurteilen. ich denke ich werde es mit Holzkitt versuchen da ich mir etliches besorgen müsst dass das wirklich ins Geld geht. Vom Harz angefangen über den Schutzlack den es ja nicht wirklich in Mini-Gebinden gibt.

Ich hätte das Rad sehr gerne nur farblos oder eher hell lasiert/gebeizt, mit einigen farbigen Akzenten so wie die skandinavischen Räder gerne gemacht sind, nur fürchte ich nach den anfänglichen Schleifarbeiten gestern, dass ich wohl auf eine dunklere Lasur oder Beize umdenken muss, damit etwaige Farbreste nicht zu stark zu sehen sind. Die Farbreste sind tief ins Holz eingezogen und mit händischem Schleifen dauert es ewig und lässt sich auch nicht 100-prozentig entfernen ohne wirklich viel wegzunehmen. Besonders schlimm ist es an den ganzen Stirnseiten. Beim Korpus ist das jetzt nicht so das Drama da es gerade Flächen sind, da bin ich mal mit dem Dreieckschleifer und 60er(1) Papier drüber und es geht extrem schwer weg. Wie das dann bei den gedrechselten Teilen gehen soll da bin ich noch am überlegen. Die Kleinteile kann ich zu meinem Drechsler mitnehmen, einspannen und an der Drechselbank abschleifen, aber die Beine am Korpus werden wohl Handarbeit werden. Das Holz ist irrsinnig hart, ich tippe ja auf Buche, obwohl sehr hell. Was noch dazu kommt ist, der Korpus hat eine wunderschöne Maserung, fast schon riegelartig, das möchte ich möglichst nicht mit Farbe überdecken.
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